Vor drei Jahren führte der Dozent eine informelle Umfrage durch, in der unter anderem Andreas Willert und Will Streit (IBM VP Product Management) gefragt wurden: Wird MBSE noch in diesem Jahrzehnt Mainstream? Die ernüchternde Antwort lautete: Nein. Natürlich hängt diese Einschätzung stark von der Definition sowohl von „MBSE“ als auch von „Mainstream“ ab. Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie effektiv MBSE sein kann – von durchgängigen Traceability-Analysen bis hin zur besseren Beherrschung komplexer Systeme. Dennoch bleibt MBSE eine Methode, die nur ein Bruchteil derjenigen Unternehmen einsetzt, die enorm davon profitieren würden.

Doch es gibt Hoffnung – und sie heißt Künstliche Intelligenz (AI). Schon heute hält AI Einzug in die Produktentwicklung, um monotone Aufgaben zu automatisieren und Teams im Kontext ihrer Arbeit mit Analysen, relevanten Informationen und Vorschlägen zu unterstützen. Von der Optimierung der Festigkeit von CAD-Modellen über das automatisierte Schreiben von Anforderungen bis hin zur Überprüfung der Traceability hat AI bereits einige Arbeitsabläufe revolutioniert. Aber wie genau kann AI dabei helfen, MBSE aus seiner Nische zu holen und den Sprung in den Mainstream zu schaffen?

Doch was bedeutet das konkret? AI könnte die Hauptverantwortung für das Systemmodell übernehmen und es kontinuierlich mit dem Team synchronisieren. Statt sporadischer Prüfungen analysiert AI laufend Inkonsistenzen, gibt gezielte Hinweise und schlägt Anpassungen vor. Dabei könnte SysML v2 durch seine standardisierte API eine Schlüsselrolle spielen, da es einen werkzeugunabhängigen Zugriff auf das Modell ermöglicht. So könnte AI die Komplexität von MBSE verbergen und zugleich dessen volles Potential ausschöpfen.

Begleitet wird dieser Vortrag von mehreren Beispielen aus der Praxis. Diese reichen von der KI-basierten Anforderungsanalyse und Testabdeckung im oberen Bereich des V-Modells (Raiqon) über die formale Argumentation mithilfe von SysML v2-Modellen (Imandra) bis zu integrierte Simulationsmodelle (Flow Engineering).

Dr. Michael Jastram ist ein selbstständiger Experte für Systems Engineering und Anforderungsmanagement mit einem besonderen Fokus auf der Anwendung innovativer Technologien wie KI und Agilität in der Produktentwicklung. Bei Raiqon ist er für Client Solutions verantwortlich und hilft Kunden, die Effizienz bestehender Entwicklungsprozesse mit KI zu verbessern. Weiterhin betreibt er den Blog se-trends.de, wo er regelmäßig über aktuelle Trends und Entwicklungen im Systems Engineering berichtet, und ist als Speaker und Berater international gefragt.